ESC 2019 – Das erste Halbfinale, oder: Viva Tasmania!

Als am Dienstagabend die ersten Beiträge des ersten ESC-Halbfinals durch mein Wohnzimmer schallten, beschlich mich bereits das Gefühl, dass ich in diesem Beitrag einen Vergleich zwischen ESC- und HSV-Fans im Jahre 2019 ziehen müsse. Am Ende war es aber dann doch eher, als stünde ich im Jahr 1966 fahnewinkend in der Fankurve des SC Tasmania 1900. Ich gestehe ja den Ländern und Teilnehmern vieles zu, mit dem man beim ESC experimentieren darf. Und der Abend begann gar nicht mal schlecht. Also, der eigentliche Wettbewerb – die Begeisterung für Netta ging mir bereits im letzten Jahr völlig ab. Über den zypriotischen Beitrag wurde gestern viel in den Medien geschrieben, aber eigentlich nur über das Outfit. Vielleicht stehe ich nicht genug auf Lack und Leder, dass mir auch der dahinter liegende gar nicht mal so schlechte Song aufgefallen ist – leider aber auch die schiefen Töne, da auch die Sängerin zu sehr auf ihr Outfit fokussiert zu sein schien.
Ab da ging es jedoch tatsächlich stramm bergab, und das lasse ich auch nicht mehr als „Experimentierfreude“ gelten. Montenegro zeigte nicht einmal das, als man eine Caught-In-The-Act-Persiflage mit ein paar hübschen Schülerinnen gespickt auf die Bühne scheuchte. Vom finnischen Beitrag ist mir leider nur die – durchaus talentierte – grüne Tänzerin in Erinnerung geblieben. Als ich ihn mir gerade noch einmal anhörte, weiß ich auch wieder warum.
Polen überraschte mich durchaus positiv. Das war endlich mal wieder ein ESC-Moment: Fremde Klänge, aber irgendwie kreativ und interessant. Dass sie am Ende nicht ins Finale kamen, besiegelte das Schicksal dieses Abends endgültig. Nun also der vieldiskutierte und hochgelobte slowenische Beitrag. Ich weiß ja nicht, Leute – melancholische, gefühlvolle Musik in allen Ehren. Aber muss ich während des Beitrags aufgrund der dargebotenen Attitüde das Bedürfnis entwickeln, mit einem Strick um den Hals und nem Schlachtermesser in der Hand vom Hochhaus zu springen? Die Sängerin sah selbst im Green Room noch aus, als ob das ihre Vorstellung eines gelungenen Sonntagnachmittags wäre. Gruselig.
Was uns zum tschechisch-afrikanischen Malawisee bringt. Retro kann ja ganz schön sein. Aber dass die im besten Mini-Playback-Look die 90er aufleben lassen wollen, entbindet den Schlagzeuger doch bitte nicht davon, wenigstens im Takt auf sein stumm geschaltetes Werkzeug einzuschlagen. Auch hier verstehe ich den Hype überhaupt nicht. Im Anschluss begreift Ungarn leider auch im Jahr 2019 nicht, dass man mit volkstümlichem Gejammer einer Puszta-Großmutter, die etwas zu viel Bart angesetzt hat, niemanden mehr hinter der Gulaschkanone hervor holt. Weißrussland versucht es mit schief geträllertem Teenie-Pop, Serbien mit galaktischem Drama. Beides läuft für mich unter „wenn’s denn sein muss, meinetwegen“.
Peter Urban spricht mir – wie so oft in meinem Leben bereits – aus der Seele, als ihm vom belgischen Beitrag primär der Anblick dieses putzigen kleinen Kerlchens hängen bleibt, den Mutti in den viel zu großen Parka des älteren Bruders gestopft hat. Ja, verehrte Mode-Bloggerinnen, ich weiß dass das „Oversize Look“ heißt, und der Urban bestimmt auch. Aber nur weil’s einen Namen hat, sieht’s eben nicht weniger scheiße aus. Der georgische Beitrag klingt wie ne Kriegserklärung, hoffentlich gibt das keine politischen Verwicklungen.
Dann endlich – Australien. Los, gebt mir mein Highlight, wie fast immer in den letzten Jahren! Entsetzt lausche und vor allem starre ich auf diese skurrile Mischung aus Eiskönigin und Augsburger Puppenkiste, während sich in meinem Kopf der älteste mir bekannte Notruf formt: „Ich rufe Dich Galactica, vom fernen Stern Andromeda…“
Gekillt wird dieser Abend endgültig vom isländischen Beitrag. Hey, ich liebe gut gemachte Rock- und Metal-Musik. Was haben wir Lordi damals abgefeiert, begeistert jubelnd vor’m Fernseher gestanden, während für die alteingesessenen „Grand-Prix“-Tanztee-Lauscher die Welt unterging. Würde mich jemand nach dem ESC-Moment meines Lebens fragen, wäre auf Platz 2 (nach Lenas Sieg 2010) die Übergabe der Siegerblumen an den Sänger von Lordi; sowas kann kein Drehbuch vorschreiben, das sind einfach diese besonderen Momente für die Ewigkeit. Aber bitte – und damit zurück zu Island 2019 – , nur weil jemand schreit und Stromgitarren misshandelt werden, ist das doch noch keine Kunst. Sondern das kann weg.
Ich muss gestehen, die restlichen vier Beiträge sind bei mir dann eher untergegangen. Der Este war mir zu seicht, die Griechin konnte nicht singen. Statt eines Portugiesen kam ein verstoßender Elb mit chronischer Verstopfung – gemessen an Tanzstil und Gesichtsausdruck – auf die Bühne. Immerhin wurde dem Elb direkt der Zivi mit auf die Bühne gestellt, der zur Tarnung seinen Namen tanzte und den angehenden Ork danach hoffentlich sicher nach Hause geleitete.
Schließlich San Marino. Ein Türke, der für San Marino singt und eine Stimme hat, die entfernt an Leonard Cohen erinnert. Interessante Mischung. Was für ein Lied gibt man diesem großen Potential? Natürlich, eine abgedroschene Lala-Pop-Nummer mit maximal beknacktem Titel. Chance vertan, Glückwunsch.
Heute abend also das zweite Halbfinale. Und die Chance, Tasmania Berlin noch in die Champions League zu führen. Die uns so viele großartige Momente beschert hat. Es muss nicht immer das perfekte Lied sein. „Rise like a phoenix“ hat nie meine Playlist erobert, und trotzdem war Conchitas Sieg ein großartiger Moment. „Hard Rock Hallelujah“ oder „Wild dances“ waren einfach nur geil. Bei „Love shine a light“ oder „Fångad av en stormvind“ wusste man bereits nach den ersten Tönen, dass man hier gerade den Sieger-Song hört. Ich will grandiose Stadion-Atmosphäre wie bei „Insieme“ oder „Euphoria“. Melancholische Momente, die berühren und im Gedächtnis bleiben, wie bei „Hold me now“ oder „Molitva“. Kreativität, Grenzen bewusst überschreiten, Spaß. Meinetwegen ein Revival-Trio aus Verka Serduchka, Guildo Horn und Buranovskiye Babushki (die tanzenden russischen Omis, ja das musste ich kurz googlen). Tasmania wurde 1973 aufgelöst, für den ESC gibt es noch Hoffnung. Heute Abend, 21 Uhr.

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