Die Mosel – Ein Herbstmärchen 2006

Es war also mal wieder so weit, 19 wackere Helden machten sich auf zur Mosel-Revival-Tour des Jahres 2006 und trafen sich in der einsamen Berghütte nahe Zeltingen-Rachtig. Für Nicht-Eingeweihte: Wenn man diese Hütte mit dem Auto ansteuert, meldet das Navi pflichtbewusst: “Sie haben den Arsch der Welt erreicht!”. Allerdings ist die Hütte an sich ein Traum für eine Wochenendtour mit vielen Leuten – weit und breit niemand, den man stören könnte, viel Grün drumherum, ein großer Grillplatz und nicht zuletzt das große Vergnügen, mit lauter alkoholausdünstenden Personen in einem Raum zu schlafen.
Der Wochenendverkehr machte uns schwer zu schaffen, sodass die Ersten um 14, die Letzten um 22 Uhr eintrafen. Den Freitagabend verbrachte man dann nach der allgemeinen Begrüßung am gemütlichen Lagerfeuer mit Grillen und diversen alkoholischen Getränken, wobei der Kreativität keine Grenzen gesetzt waren. Boris und Anke erfreuten uns bei der Gelegenheit mit der Ankündigung ihrer Hochzeit im nächsten Jahr (und der Aussicht auf zwei nette Junggesell(inn)enabschiede). Nach und nach verschwand man dann im gemeinschaftlichen Riesenschlafsaal auf quietschende Luftmatratzen und raschelnde Schlafsäcke, an erholsamen Schlaf war also keinesfalls zu denken. Die üblichen Verdächtigen standen dann auch schon mit dem ersten Sonnenstrahl wieder auf, der Rest quälte sich nach und nach unter die (Außen-)Duschen – und wurden für ihr Langschläfertum prompt mit der Nichtexistenz von warmem Wasser bestraft (naja, nur die Harten komm’n in’n Garten).
Einem ausgiebigen Frühstück folgte die Aufteilung in eine sportlich ambitionierte Wandergruppe (Respekt!) und eine kuchengeile Stadtbummeltruppe. Letztere fuhr dann auch schnurstracks ins äußerst empfehlenswerte Café K. nach Bernkastel-Kues (und schickte der Wandergruppe per MMS Bilder vom Kuchen). Der nächste Pflichttermin bestand ab 15 Uhr in der traditionellen Mosel-Herbstolympiade. Diese bestand in diesem Jahr aus den Disziplinen:

  • Blind-Kick
  • Tennisball-Lauf
  • Papierflieger-Weitwurf
  • Spontan-Dichtung
  • Ruck-Zuck
  • Liedtext-Erkennung
  • Hände ertasten

Zudem musste sich jedes Team einen Namen, einen Schlachtruf und eine Fahne ausdenken. Sieger wurden die “Faulen Trauben” mit ihrem Schlachtruf “Opa Opa, Most Most Most” vor dem “Fluch der Mosel” und den “Rachen-Drachen”. Es wurden wie erwartet sportliche Höchstleistungen erster Klasse geboten, diverse Weltrekorde waren in Reichweite, zumindest aber hat sich keiner verletzt.

Nachdem man sich mit 10 Kilo Nudeln und 20 Kilo Soße wieder gestärkt hat, ging es am zum Weinkeller beim “Becker Eddi”. Bei Preisen, die benzinsteuergeplagten Menschen noch die Freudentränen in die Augen trieben, wurde einmal quer durch die Karte probiert, dass die Öchsle nur so flossen. Am Ende ließ es sich der Herr des Hauses nicht nehmen, unsere fußschwachen Damen noch persönlich den Berg hinaufzufahren. Bei der Gelegenheit lernten wir dann auch, dass es unterschiedliche Stufen der Faulheit gibt (edelfaul, essigfaul) – gefundene Argumente für die anwesenden notorischen Couchpotatos. Ein rundum gelungener Abend.

Kommen wir nun zur Einzelkritik:

  • Jens zeigte noch große Schwächen in seinen Pfadfinderfähigkeiten (verlief sich bei einer Runde um die Hütte und kam 40 Minuten später aus einer völlig falschen Richtung), glänzte aber durch Durchhaltevermögen (immer als Letzter im Bett).
  • Boris überzeugte durch prägende Sprüche (”Sach ma Öchsle-Meister, wie steht’s denn hier mit Happy Hour?”), erwies sich aber beim Blind Kick als unfairer Sportsmann (”Boris, das ist Claudia, nicht der Ball. Hör auf sie zu treten!”)
  • Stefan fiel gleich zu Beginn in Ungnade, als er wertvolle alkoholische Delikatessen fallen ließ, begeisterte aber am fortgeschrittenen Abend durch seine in langen Trainingsstunden erworbene Sozialkompetenz (”Wer sind Sie denn? Frau Becker? Frau Bratbecker?”)
  • Nadine erreichte einen neuen Weltrekord im Dauer-Schluckauf (den ganzen Weg vom Weinkeller bis zur Hütte), ihren Hang zum frühen Aufstehen kann man allerdings nur mit Schwächen in der Alkoholvernichtung erklären
  • Anke M. hatte spontane Geistesblitze beim Ruck-Zuck-Spiel (Spiel… Greuther Fürth), vergeigte jedoch das Hände-Ertasten dafür völlig (die Verwechslung mit Claudia nehm ich Dir noch lange übel!)
  • Julia war eindeutig die Mutigste von allen (ließ Papa’s teures Auto stundenlang unter einer wackeligen Holzschranke stehen), an ihrem Durchhaltevermögen muss sie aber noch schwer arbeiten (als Erste im Bett)
  • Stephan kümmerte sich im ganz großen Stil um unser Lagerfeuer (brachte nen ganzen Anhänger mit), war aber Schuld am z.T. schlechten Wetter, weil er als Einziger seinen Kuchen nicht aufgegessen hat
  • Olli sorgte für handfeste Skandale (beim Ruck-Zuck-Spiel enthüllte er unfreiwillig seine aktuelle Dreiecksbeziehung), überraschte uns aber mit einer persönlichen Vorstellung von “das perfekte Frühstück”
  • Simone hatte zwar bei Ruck-Zuck arge Probleme mit einem Dauerständer, war aber zu guter Letzt die Rettung in puncto Heimfahrt für gewisse grüngesichtige Weinopfer
  • Richard hatte das tollste Technikspielzeug dabei (3-Euro-Taschenlampe mit 134 Funktionen), allerdings konnte auch sie das für ihn optimale Verhältnis Blut vs. Alkohol nicht korrekt errechnen
  • Melanie erwies sich als äußerst konsequent bei der Ermordung von achtbeinigen Mitbewohnern (nehmen wir halt nen Bierkasten – sicher ist sicher – *rumms*), muss an ihrer Abwehrstrategie für aufdringliche Männer aber noch arbeiten
  • Unserem Grillmaster René verdanken wir unser leibliches Wohl, allerdings hält sich nachhaltig das Gerücht, dass er als bekanntermaßen gemütlicher Autofahrer den Stau auf der Hinfahrt verursacht hat
  • Sabine erntete jede Menge Neid für ihre dreistöckige Luftmatratze, ihre Standfestigkeit ließ jedoch arg zu wünschen übrig (lief immer nur auf Krücken rum)
  • Dirk muss noch dringend an seiner Terminplanung feilen (reiste bereits Sonntags um 8 ab, wofür ihn die Schlafwilligen hätten erwürgen können), er verdiente sich aber bei der Olympiade große Anerkennung durch sein spontanes Sado-Maso-Gedicht
  • Claudia verzweifelte beim Dichten am Wort “Matratzenschoner”, war ihrem Team aber bei der kreativen Gestaltung der Fahne eine große Hilfe, indem sie die Vorlage für einen Totenkopf mit rosa Schleifchen auf ihrem T-Shirt trug
  • Anke L. sorgte mit kreativer Getränkeauswahl (Becherovka-Tonic) bei der Verlobungsverkündung für Aufsehen, zeigte aber in der darauffolgenden Nacht gleich, was Gewalt in der Ehe bedeutet (verpasste Boris ca. 38 Watsch’n weil er schnarchte)
  • Silke ließ bei der Auswahl der Ruck-Zuck-Begriffe (Dreiecksbeziehung, Dauerständer etc.) wieder tief in die Abgründe ihrer Phantasie blicken, startete allerdings auch mit einem Bonus ins Wochenende, weil sie bereits beschwipst ankam (Flasche Schnaps im Auto)
  • Jenny zeigte geringes Verständnis für Tradition (drehte uns den Zapfenstreich ab), ihr Talent lag eher in der Lyrik, sodass sie in Koproduktion mit Stephan das beste Gedicht hervorbrachte (”Ja sind wir denn hier im Schweinestall – Maulsperre und Klauenseuche überall – da nimm doch lieber mal eine Klobürste hier – oder ein Taschentuch, vielleicht reicht es Dir”)

Über mich selbst sag ich natürlich nix, dazu ist die Kommentarfunktion ja da.

Insgesamt war es wieder ein phänomenales Wochenende. Ich denke mal, dass sich alle schon wieder auf das nächste Mal freuen.

Finnland – Teil III

Gäääähn, da bin ich wieder. Zurück in good new Germany und ziemlich platt, deswegen schreib ich diesen Teil auch etwas verspätet. Donnerstag abend habe ich noch festgestellt, dass es zur Zeit ja nicht so richtig dunkel wird in Helsinki, da hatte sogar der Frachthafen-Blick irgendwie seinen ganz eigenen Reiz. Freitag morgen wurde dann nach dem Hell’s-Bells-Wecken gefrühstückt, diesmal entwickelte ich eine ganz eigene Kreation aus Knäckebrot, Käse, Schinken, Salami, Tomaten und Majonnaise. Sehr lecker, aber das Balancieren und Abbeißen ist nix für Anfänger.

Danach habe ich dann ausgecheckt, konnte mir dabei die Antwort auf die übliche Minibar-Konsumfrage nicht verkneifen: “Although I might look like, I’m not yet a millionaire”. Sie fand’s lustig. Das angebotene Taxi verneinte ich ebenfalls, wollte ja schließlich noch einen neuen Fußweg zur Uni ausprobieren. Mit Gepäck zwar etwas anstrengend, aber okay. Das Wetter war so traumhaft, dass bereits zu so früher Stunde einige der großen Straßencafés gut besucht waren, sahen sehr gemütlich aus. Aber ich hatte ja leider keine Zeit und spatzwanderte durch einen der vielen Parks zum zweiten Konferenztag. Über diesen spar ich mir dann auch wieder den Bericht. Als ich die Liste der möglichen Mittagessen sah, dachte ich nur: Gut, dass ich am Flughafen essen werde – billiger und besser!

Um halb eins verabschiedete ich mich und machte mich auf die Socken zum Airport. Bei der Sicherheitskontrolle dann die große Überraschung: Zum ersten Mal in meinem Leben piepste sie nicht. Das machte mir richtig Angst – die musste kaputt sein, wer kommt denn dann hier alles durch? Schluck…

Zur Beruhigung ging ich dann zum Duty-Free-Shop und kaufte noch was für die Liebste (und das nicht nur, weil sie mir Steak und Pommes zum Abendessen versprochen hatte). Mit etwas Verspätung ging’s ab in den Flieger, wo ich diesmal eine Reihe für mich hatte und die Stewardess bei der Sicherheitsvorführung aus irgendeinem Grund einen Lachkrampf bekam – sehr amüsant. Ach ja, der Pilot hatte übrigens ein Deutschland-Fähnchen im Fenster, fand ich auch ziemlich kultig.

Angekommen in Köln begrüßte uns ein hübscher Platzregen und natürlich fiel mein Anschlusszug aus. Da fühlt man sich doch gleich wieder zuhause. Alles in allem kann ich über Helsinki fast nur Positives sagen, auch wenn ich recht wenig gesehen habe. Ich hätte nichts dagegen, mal wieder hinzufahren – aber dann bitte als Urlaub. Darauf ein “Hartwall Legenda”!

Finnland – Teil II

Ja, ich hab’s überstanden, das legendäre Dortmunder Bier und es schmeckt sogar ziemlich gut. Würde mich durchaus interessieren, ob’s das auch in Deutschland gibt. Nun ja, heute war also der erste von zwei Konferenztagen angesagt. Zu diesem Zweck wollte ich natürlich früh aufstehen, also bestellte ich den telefonischen Weckdienst und stellte die Weckfunktion des Fernsehers. Angeblich weckt letzterer “by radio, with volume increasing gradually”, was sich allerdings relativiert, wenn er direkt am Kopfende steht. Nach dem Aufwachen mit Musik á la “Hell’s Bells” (der Fernseher war dank falsch gestellter Uhr 10 Minuten schneller als der Onkel von der Rezeption) ging’s dann also zum Duschen und anschließend zum Frühstück. Letzteres verdiente sich das Prädikat “okay, aber unspektakulär”, daraufhin tappste ich, bewaffnet mit meinem Notebook, los zur Uni.

Auf dem Weg dorthin fielen mir wieder einige Dinge über Helsinki auf. Zum einen muss man sagen, dass es wirklich eine schöne Stadt ist. Es gibt sehr viele Parks, die Häuser sind größtenteils sehr hübsch, alles ist sehr hell. Die große Allee, die ich überquerte, erinnerte mich irgendwie an den Wenzelsplatz in Prag, nur ruhiger und noch grüner. Zum anderen die Menschen hier (heißen die eigentlich “Helsinkier”?). Es gibt überraschend viele Männer, die mich vom Aussehen her an Kronprinz Willem der Niederlande erinnern. Frauen tragen – im Gegensatz zu Deutschland – hier in der großen Mehrzahl Röcke aller Formen und Farben, Hosen sind eher selten. Ganz hübsch, sollte man bei uns auch wieder in die Mode einführen. Dann gibt es noch die Hard-Rock-Lordi-Fan-Fraktion, die morgens schon aussehen, als wären sie von der nächtlichen Friedhofs-Session nicht schnell genug zurück in den Sarg gekommen.

Apropos Lordi: Wenn Ihr einem Finnen (egal welchen Alters oder Geschlechts) einen Gefallen tun wollt, sprecht ihn oder sie auf den Eurovision Song Contest an. Ist hier ungefähr das Pendant zu unserem “Wunder von Bern”. Über die WM darf man auch reden, auch wenn Finnland gar nicht dabei war. Die einhellige Meinung zu Deutschlands Auftritt ist wohl: “Wir haben gedacht, Ihr blamiert Euch, aber die haben den schönsten Fußball gespielt.” Auch begeistert ist man von den Bildern der Fan-Meilen, ich wurde ein paar Mal gefragt, ob ich denn auch da war.

Aber so weit war ich ja eigentlich noch gar nicht, erstmal zurück zur Uni. Wenn man die zum ersten Mal sieht, fällt einem als Kölner-Plattenbau-Uni-Student erstmal die Kinnlade runter. Flankiert vom (unglaublich schönen) Dom von Helsinki und vom finnischen Reichstag steht da so ein weißer Säulenbau vom Allerfeinsten. Drinnen ist es zwar wieder mit Köln vergleichbar, aber die Außenansicht und vor allem der Ausblick sind beneidenswert.

Über die Konferenz selbst will ich gar nicht so viel schreiben, interessiert wohl die wenigsten. Nach der üblichen Begrüßung folgten ein paar Demos und dann war auch schon Mittagszeit. Hier würden meine Befürchtungen bzgl. der Restaurantauswahl unserer Projektleitung wieder mal bestätigt. Nobelrestaurant, als Vorspeise Brot und Butter (wann kriegt man das schonmal?), Hauptgericht – oder wie ich es nennen würde: Spatzenvorspeise – irgendwelches Fleisch mit Kartoffelpürree. Durchaus lecker, aber von der Portionsgröße wie gesagt eher Marke Möwenschiss. Ach ja: Zum Trinken gab es ausschließlich stilles Wasser – keine Cola, kein gar nix. In Köln sollte sich also bitte niemand wundern, wenn ich der Mensa-Bedienung nach meiner Rückkehr einen Blumenstrauß mitbringe. Die Rechnung tat dann ihr Übriges: 17,50 Euro, bar auf die Kralle. Krampfhaft konnte ich mir knapp den Kommentar verkneifen, wann der Rest denn geliefert wird.

Nun ja, back at the conference wurde uns dann technisches Spielzeug á la “Whiteboard mit Touchscreen und Schrifterkennung” vorgestellt. Dann war erstmal “coffee break” angesagt, wobei man hier “break” in der Tat mit “brechen” übersetzen könnte – so schmeckt nämlich hier der Kaffee. Nach ein paar weiteren Vorträgen und Demos war dann Ende. Auf der Suche nach einem Abendessen ließ ich mich allzu schnell von einem Werbeschild verleiten, dass ich von weitem als “Antalya Kebab” interpretierte. Dass die Türken aber noch nicht so weit in den Norden vorgedrungen sind, wusste ich spätestens, als ich mitten auf dem Trödelmarkt stand – was das Schild wohl eigentlich bedeuten sollte. Also ohne Abendessen ins Hotel. Ich lief schnurstracks grinsend an Freund Aufzug vorbei, denn seit heute morgen wusste ich: Es gibt noch einen! Und der fuhr mich anstandslos in Etage 3. So ein Weichei.
Tja, und nun sitze ich hier, schaue noch ne Al-Bundy-Folge und packe schonmal für den Rückflug. Mal sehen, was bis dahin morgen noch passiert, Teil III folgt bestimmt!

Finnland – Teil I

So, um diesem Blog endlich mal einen Sinn zu geben, blogge ich in den nächsten Tagen mal fleißig aus Finnland, genauer gesagt aus Helsinki. Ich bin ja ein paar Tage zum WebALT-Projekttreffen hier und heute morgen um 8 Uhr ging’s los.

Erstmal natürlich mit dem Zug zum Flughafen. Reichlich unspektakulär, außer der Tatsache, dass ich beim Sicherheitscheck mal wieder viermal durch das Piepsding musste (und es beim vierten Mal immer noch piepste…). Irgendwann muss ich mich mal von Kopf bis Fuß röntgen lassen und rausfinden, wo mir die Außerirdischen diese Metallplatte implantiert haben…

Ach ja: Beim Check-in fiel mir dann noch mein Vordermann durch seinen unangenehmen Dunst auf. Allerdings stellte sich heraus, dass dieses Gemüffel eher von seinem Handgepäck kam – einem Wauwau in Rattenoptik. Überflüssig zu erwähnen, dass dieses Duo sich im Flieger unbedingt in die Reihe vor mir setzen musste. Immerhin hatte ich eine nette ältere Dame neben mir sitzen, genauer gesagt eine finnische, wie sich später herausstellte. Nachdem wir beide den Spiegel bzw. Stern ausgelesen hatten, schenkte sie mir ihre Zeitung – in Helsinki wäre es wohl sehr schwer, an deutsche Zeitungen zu kommen. Nett, sehr nett.

Der Flug selbst verlief ruhig, man hatte einen schönen Blick auf Lübeck, Rostock, Kopenhagen und Malmö (die Verbindungsbrücke sieht wirklich beeindruckend aus). Nach einer etwas holprigen Landung und der Rückgewinnung meines Gepäckstücks war die große Frage: Wie komm ich denn nun zum Hotel? Den Stadtplan von Helsinki hatte ich Dussel natürlich vergessen, also erstmal nen Info-Schalter suchen. Dort gab’s dann auch Gratis-Stadtpläne, sehr praktisch. Mein Versuch, der Info-Tante klarzumachen, dass ich zur Straße “Ruoholahdenranta” im Bezirk “Punavuori” muss, löste bei ihr mittelschwere Lachkrämpfe aus – ich muss an meiner Aussprache finnischer Begriffe wohl noch etwas feilen. Nun ja, Ergebnis war dann, ich solle doch den Bus 615 zum Hauptbahnhof nehmen und von da aus könnte ich locker zu Fuß gehen.

Nachdem ich feststellen musste, dass das finnische Wort für “Hauptbahnhof” wohl 26 Buchstaben hat, wollte ich dann doch weitere Finnenbelustigung vermeiden und bestellte beim Busfahrer ein Ticket für die “central station”. Auf dem Weg dorthin wurden mir zwei Dinge klar: Erstens, dass Busfahrer in Finnland chronisch unterbezahlt und depressiv sein müssen und somit keine Gelegenheit zum Selbstmordversuch auslassen. Und zweitens, dass man in Finnland einen Riesenhaufen Kohle verdienen könnte, wenn man das “lesbare Straßenschild” erfinden würde. Die sind nämlich (wie alles hier) zwar zweisprachig in Finnisch und Schwedisch, aber beides wird auf ca. 10 Quadratzentimetern untergebracht – vollkommen wurscht, ob der Straßenname 10 Buchstaben hat oder 20 (was die bedeutende Mehrheit darstellt).

Apropos Schwedisch: Die Sprache wird einem hier sofort sympathisch. Zwar kann ich kein Wort Schwedisch, aber im Gegensatz zum Finnischen sind die Wörter wenigstens aussprechbar und geben einem zumindest einen gewissen Anhaltspunkt, was sie denn bedeuten könnten. Beispiel in den Hotelinformationen, zunächst Schwedisch: “Restaurang – … – Vänligen kontakta One Touch Service för bordsreservationer.” Nach einem Moment des Überlegens könnte man darauf kommen, dass man für Tischreservierungen im Restaurant den One Touch Service kontaktieren soll. Nun Finnisch: “Ravintola – … – Pöytävarauksen voitte tehdä soittamalla One Touch Serviceen”. Äh, ja, genau…

Nun gut, am Hauptbahnhof angekommen, tappse ich in üblicher Touri-Manier mit vorgehaltenem Stadtplan weiter. Fragen gilt nicht, man hat ja Zeit und will’s selbst schaffen. Die richtige Richtung war aber auch gar nicht das Problem, viel eher gewann ich den Eindruck, dass die Info-Tante am Flughafen mich nicht nur ausgelacht, sondern auch verar…t hat, der Fußweg nahm nämlich mal locker 35 Minuten in Anspruch – mit Gepäck, wohlgemerkt.

Keuchend im Hotel angekommen, begrüßte mich eine nette, junge, blonde Dame an der Rezeption und stattete mich mit Keycard sowie Wireless LAN Access aus, damit ich diese Zeilen auch in Ruhe schreiben kann. Dann kam mein neuer Freund, der Aufzug. Naiv wie ich bin, ging ich rein und drückte den Etagenknopf. Tür zu. Nix. Tür wieder auf. Hmm, kurzer Rundumblick – aha, man muss die Keycard in den Aufzug stecken. Gesehen, getan. Ich drück “3″. Er fährt auf die 4. Etage. Auch gut, also raus und eine Etage mit der Treppe runter. Ab ins Zimmer, 08/15-Standard aber gemütlich. Allerdings wird der angepriesene “Meerblick” etwas relativiert, wenn man direkt auf den Frachthafen guckt.

Nach kurzem Ausruhen und testen des WLAN-Zugangs war es nun Zeit, an die wichtigen Dinge zu denken. Da die Abendunterhaltung dank Fußball und der mitgebrachten Al-Bundy-DVD-Staffel weitestgehend gesichert ist, beschränkte sich mein erster Ausflug daher auf die Suche nach Essen und Trinken. Praktischerweise ist der Supermarkt gleich um die Ecke. Station 1: Abendessen, bestehend aus Brot, Käse (echter deutscher “Bonifaz”) und Oliven. Dazu ein paar Brownies als Nachtisch und Pepsi zum Runterspülen. Station 2: Chips und Bier für den Fußballabend. Die berühmteste Chipsmarke in Finnland scheint “Megapussi” zu sein – toller Name. Ich zog dann aber die Chili-Tortillas vor und näherte mich wagemutig der Alkoholabteilung. Ich hatte mich ja mental schon auf einiges vorbereitet, aber als mir ein Schild offenbar ein Sonderangebot (!) von 12 Euro für ein Sixpack Karlsberg anpreisen wollte, kippte ich doch etwas aus den Latschen. Ich entschloss mich dann für eine etwas billigere Sorte, laut Etikett “Dortmund’s berühmtes Bier” – namens “Hartwall Legenda”. Entweder gibt’s noch ein Dortmund in Burkina Faso oder so, oder aber die Berühmtheit dieses Bieres ist an mir all die Jahre vorbeigegangen. Immerhin kostete ein 3er-Pack “nur” 3,30 Euro, werd’s nachher mal antesten.

Nach meiner Rückkehr wollte ich dann Freund Aufzug nochmal ne Chance geben. Eingestiegen, Keycard rein, “3″ gedrückt. Er fährt auf “8″. Mann steigt ein, rückt “0″. Ich drücke nochmal “3″. Aufzug hält auf dem Weg noch auf “5″. Weiterer Mann steigt ein, drückt “0″. Zur Sicherheit drück ich nochmal “3″. Aufzug fährt auf “0″. Männer raus, Familie rein. Sie drücken “4″, fragen mich, wohin ich will. Ich in völliger Verzweiflung: “Third floor please.” Sie drücken “3″. Ich bereite mich mental wieder auf eine Etage Treppe runter vor. Aufzug hält auf “3″. Er hasst mich einfach.
So, Respekt für alle, die bis hierhin ausgehalten haben und morgen könnt Ihr dann lesen, ob ich den Genuss des berühmtesten Bieres der Welt heil überstanden hab.